Interview Gründungspräsident

Hans Schütz zog im Jahre 1974 nach Thierachern. Er trat dem Turnverein Thierachern bei und organisierte direkt für die etwas jüngeren TV-Aktivmitglieder die Teilnahme am kantonalen Turnfest von 1975 in Thun. Aufgrund seines grossen Engagements wurde er eingeladen, direkt an den Vorstandsitzungen teilzunehmen und seine bestehende Turnvereinerfahrung einzubringen. In der Altjahrswoche 1975 wurde er von der Hauptversammlung zum Präsidenten des TV Thierachern gewählt. Ein Amt, das er von Kurt Zahler übernahm und zehn Jahre bis 1985 innehatte. Er gilt als Gründervater des Quer durch Thierachern und wurde zum Ehrenpräsidenten des TV Thierachern ernannt.

Wie kam es dazu, dass im Jahre 1982 das erste Quer durch Thierachern durchgeführt wurde?

Der Turnverein führte in den Jahren vor dem ersten Quer durch Thierachern diverse neue Anlässe wie Lottos und Unterhaltungsabende durch und nahm regelmässig an Turnfesten sowie anderweitigen Wettkämpfen teil. Mir fehlte jedoch damals in Thierachern ein Event, welcher die breite Bevölkerung bei einem Dorffest dazu animiert, sportlich mitzuhelfen. Zudem wurde damals kurz vorher das Schulschlussfest durch einen Gemeindeversammlungsbeschluss abgeschafft, welchem die Bevölkerung teilweise erheblich hinterher trauerte. Als Verein war es nicht möglich, das Schulschlussfest zu reaktivieren. So suchte ich nach einer anderen Möglichkeit, in Thierachern einen sportlichen Dorfanlass auf die Beine zu stellen. Bevor die Sportart Triathlon aufkam, wurden an mehreren Orten Mannschaftsstafetten und –läufe mit den Disziplinen Schwimmen, Rollschuhfahren, Laufen und Velofahren durchgeführt. Ich nahm diese Idee auf und entwickelte sie weiter. Nach ungefähr zwei Jahren Studieren, Planen und Organisieren konkretisierte sich schliesslich eine Wettkampfvariante, welche in Thierachern durchgeführt werden könnte. Ziel war es, dass die gesamte Bevölkerung mithelfen und teilnehmen kann. Die Disziplinen und Wertung mussten somit so gewählt werden, dass sowohl Kinder, sportliche Erwachsene wie auch ältere oder weniger sportliche Menschen gemeinsam einen fairen Wettkampf bestreiten können. Eigentlich wollte ich eine Stafettenstrecke quer durch alle Thieracherer Ortsteile. Aufgrund dem Höhenunterschied und der damit zusammenhängenden erhöhten Unfallgefahr konnten aber die Ortsteile Wahlen und Egg nicht berücksichtigt werden. Im August 1982 war es dann soweit. Nachdem ich, damals in der Funktion als Präsident, dem Vorstand meine Idee unterbreitete und dieser einverstanden war, wurde das erste Quer durchgeführt.

Das erste Quer durch Thierachern wurde am Freitag, 27.08.1982 durchgeführt. Wie wurde der Anlass damals organisiert?

Die Organisation des ersten Quers war sehr improvisiert, die Sitzungen wurden meist spontan abgehalten und nicht protokolliert. Als einzige schriftliche Dokumente gibt es heute noch das Anmeldeformular, einen Streckenplan sowie ein A3 Plakat mit der Streckenführung. Das Machen und Verteilen von Reklame war die grösste Arbeit. Bewilligungen brauchte es laut dem damaligen Gemeindeschreiber keine, es mussten lediglich die Eigentümer der Strassen und Wege sowie die Polizei informiert werden. Auch Strassensperrungen gab es damals keine. Bei den Zufahrten zur Stafettenstrecke positionierte ich jeweils Mitglieder der Jugi oder des TV, welche zum Zeitpunkt der Stafettenstarts ohne Leuchtweste oder sonst irgendwelche Hilfsmittel die Autos anhielten. Dies wäre heute unvorstellbar. Auch gab es unter den Helfenden keine Kommunikationsmöglichkeit. Vor dem Teilnehmerfeld fuhr ein Motorrad vorab, so konnten die Helfer im Wissen der Anzahl teilnehmenden Mannschaften die Athleten zählen und so in Erfahrung bringen, wann sie die Autos wieder durchlassen konnten. Der Mannschaftswettkampf bestand damals aus 12 Disziplinen. Als Stafette wurde vom Schulhausplatz bis zur Parkplatzmitte Dreirad- oder Go-Kart gefahren, über die Schwandstrasse sowie dem Bachweg entlang zurück zum Parkpatz eine Runde Rollschuh gelaufen, mit dem Fahrrad in den Brüggarten gefahren, dem Wald entlang zum Werkhof des Baugeschäfts Marti und weiter zuhinterst in den Ameisenweg gerannt. Weiter ging es mit dem Fahrrad zurück zum Kandermattenparkplatz und nach einer erneuten Rollschuh-Runde als Geländelauf den alten Kirchenweg hinunter zu «Hübis Schüürli» und dem Glütschbach entlang wieder zurück. Den Abschluss der Stafette machte ein Hindernislauf. Die Stafettenstrecke wurde damals auf der Strassenkarte der Gemeinde eingezeichnet, andere Karten waren zu dieser Zeit nicht verfügbar. Als Einzeldisziplinen wurden die noch heute vorhandenen Sportarten Eisstockschiessen, Platzgen und Luftgewehrschiessen durchgeführt. Das Luftgewehrschiessen wurde im Keller der Schulanlage Kandermatte durchgeführt, damals gab es im Schulhaus noch einen durch die Schützen eingerichteten Luftgewehrschiesskeller mit Lauf-/ Zugscheiben. Die Einzeldisziplinen Platzgen und Eisstockschiessen waren für die jeweiligen Vereine einen grossen Mehrwert, da sie ihre Sportarten der breiten Dorfbevölkerung präsentieren konnten. Ob es bei den Stafettenwechselposten Helfer gab, weiss ich nicht mehr genau. Ich denke, dass ich damals die Streckenführung nur den Mannschaften mitgeteilt habe. Die, durch das örtliche Gewerbe finanzierten Mannschaftspreise, gab es bereits im Jahre 1982. Damals wurden hauptsächlich Naturalspenden beigesteuert, welche die Captains der Mannschaften in der Reihenfolge der Platzierung auswählen durften. Beim ersten Quer waren 13 Mannschaften gemeldet. Die 14. Mannschaft, der Tennisclub, meldete sich danach noch am Abend des Anlasses an. Die Rangverkündigung wurde auf dem Pausenplatz abgehalten und die Rangliste dabei ohne Mikrofon aus der erhöhten Position auf dem damals noch vorhandenen Steinblock heruntergelesen. Eine Festwirtschaft gab es bei den ersten Querdurchführungen nicht. Nach der Rangverkündigung gingen die Kinder meistens zum Verteilen der Mannschaftspreise nach Hause. Einige Erwachsene blieben auf dem Schulhausplatz und wiederum andere verschoben ins Restaurant Bären, wo es auch vorkam, dass aufgrund des Verweilens über die Polizeistunde hinaus die Ordnungshüter vorbeikamen. Glücklicherweise blieb das Aufkreuzen der Polizei damals ohne Konsequenzen. Besonders zu erwähnen gilt, dass beim ersten Quer mit 14 Mannschaften à 12 Teilnehmer mehr als 10 Prozent der Thieracherer Bevölkerung beim Wettkampf teilnahm. Bei der Durchführung des ersten Quers dachte ich nicht, dass der Anlass noch bis heute weitergeführt wird. Ich war etwas erstaunt, dass damals nach der ersten Durchführung der Gesamtvorstand beschloss, den Anlass weiterführen zu wollen. Besonders die jungen Thieracherer setzten sich aktiv dafür ein. Abschliessend kann gesagt werden, dass aus heutiger Sicht beim ersten Mal alles sehr, sehr einfach organisiert wurde.

Wie entwickelte sich das Quer durch Thierachern über die Jahre hinweg von der ersten Durchführung im Jahre 1982 bis heute?

Bei den Disziplinen und der Streckenführung gab es laufend einige Änderungen. Als erstes wurde aufgrund der zu hohen Unfallgefahr beim 4. Quer der Hindernislauf zu BMX-Velofahren abgeändert. Die spätere Reduktion der Teilnehmerzahl pro Mannschaft von 12 zu neu 10 Personen bewirkte, dass es einfacher wurde, als Captain eine Mannschaft zusammenzustellen. Zudem wurde aufgrund der Störung des Gewerbes am Bachweg sowie der scharfen Kurve bei der Kreuzung Bachweg / Schwandstrasse die Rollschuhstrecke aufgehoben. Da der Geländelauf dem Glütschbach entlang mit 1000m zu lang war und den Wettkampf vorzeitig entschied, wurde auch dieser gestrichen. Weiter wurde das BMX- Velofahren wieder gestrichen und die zweite Velostrecke mit Rollschuh- und Trottinettfahren ersetzt. Letzte Änderung der Stafettenstrecke war das Erschaffen der Mountainbikeroute über den Rebberg. Aus Fairness- und Sicherheitsgründen wurden zudem beim Dreiradfahren und Schiessen Alterslimiten eingeführt. Auch die Standorte der Einzeldisziplinen wurden mehrfach verändert. So wurde das Luftgewehrschiessen beispielsweise aufgrund von wesentlichen Sicherheitsaspekten vom Fahrradhäuschen der Schulanlage in die Zivilschutzanlage verlegt. In den Anfängen wurde die Rangliste immer von Hand geschrieben und jeweils zwei bis drei Tage später im Thuner Tagblatt veröffentlicht. Heute geht dies natürlich einfacher. Eine Festwirtschaft wurde erst ungefähr bei der vierten Querdurchführung eingeführt. Der Arbeitsaufwand für die Organisation und Durchführung vergrösserte sich dabei enorm. Zudem musste für die Festwirtschaftsdurchführung erstmals eine Bewilligung eingeholt werden. Später wurde durch die Behörden festgestellt, dass auch für die Strassensperrung eine Bewilligung und eine Publikation im Amtsanzeiger notwendig ist. Die Festwirtschaft wurde mehrfach geändert. Meistens wurde sie durch den Turnverein auf dem Pausenplatz der Kandermatte organisiert, einige wenige Male wurde sie aber auch durch die Eisstockschützen bei ihrer Trainingsstätte auf dem Parkplatz aufgestellt. In den ersten Jahren wurde zur Erstellung der Mannschaftspreise beim Thieracherer Gewerbe für Naturalspenden gesammelt. Später wurde finanzielle Spenden bevorzugt, da damit einheitliche Mannschaftspreise zusammengesetzt werden konnten. Ein Versuch, das Quer am Samstag abzuhalten bewährte sich nicht. Nach Einbruch der Teilnehmerzahlen wurde der Anlass wieder auf den Freitag angesetzt. Über die Jahre hinweg professionalisierte sich von der Organisationsweise über die Streckenposten, das Rechnungsbüro bis hin zur Festwirtschaft eigentlich fast alles. Nach dem ersten Quer gab es ein Helferfest, später wurden für die Sponsoren und Helfer Essensgutscheine eingeführt. Mir war immer wichtig, mich bei ihnen für ihr nicht selbstverständliches Zutun zu bedanken.

Was bleibt dir von den letzten 39 Quer-Durchführen besonders in Erinnerung?

Besonders in Erinnerung bleiben mir die am Quer immer sehr fröhlichen Thieracherinnen und Thieracherer, die strahlenden Kinderaugen bei der Rangverkündigung und dem Aufteilen der Mannschaftspreise, die teilweise langen Warteschlangen vor der Festwirtschaftsküche und das immer sehr grosse Engagement und Zupacken der Helferinnen und Helfer beim Aufbauen, Durchführen und Wegräumen. Eine Anekdote ist sicher die Rangverkündigung des ersten Quers. Da die Mannschaftspreise aus Naturalspenden des örtlichen Thieracherer Gewerbes bestanden, waren sämtliche Preise anders. Die Auswahl der Preise erfolgte jeweils durch den Captain der Mannschaft in der Reihenfolge der Platzierung. Eine Naturalspende bestand aus einer Holzkiste mit drei Flaschen Rotwein, welche von den ersten Captains niemand auswählen wollte. Dies hatte zur Folge, dass die letzte Mannschaft, die «Chörli Klike», den preislich wertvollsten Mannschaftspreis unter grosser Freunde in Empfang nehmen durfte. Weiter gab es immer wieder Festbesucher und Helfer, die mächtig «Sitzleder» hatten und die Bewilligungszeiten so teilweise schlecht eingehalten werden konnten. Es ging oft lustig zu und her. Zudem gab auch einige teils übermütige Manöver, bei denen nur mit Glück nichts Schlimmeres passierte. So machten einmal zwei Personen, notabene beides Mitglieder des TV und noch heute regelmässige Querbesucher, eine Strolchenfahrt mit einem Roller, bei welchem sie auf dem Wiesenland Anlauf nahmen und mit hoher Geschwindigkeit in Richtung der Festwirtschaft fuhren. Nachdem sie einige Meter vor der Festwirtschaft aufgrund des nassen Bodens zu Fall kamen, schlitterte der Roller quer durch die Festwirtschaft unter den Festtischen hindurch. Glücklicherweise wurde beim Vorfall niemand verletzt.

Von der Vergangenheit zur Gegenwart: Wie stehst du zur aktuellen Organisation?

Es freut mich, zu sehen, dass sich das Quer als Dorffest etablierte und die Bevölkerung noch immer aktiv mitmacht. Ich hätte nie gedacht, dass der Anlass über eine solch lange Zeit bestehen bleibt. Zu den Disziplinen denke ich, dass es heute eine gute Mischung gibt. Viele Sportarten sind sowohl von Kindern wie auch von gut trainierten Erwachsenen machbar. Es freut mich, dass der Charakter des Anlasses noch immer derselbe ist, es ist noch immer für die Allgemeinheit des Dorfes. Ein Punkt, welcher mich stört ist, dass für die Durchführung solcher Anlässe, welche familienfreundlich für die gesamte Dorfbevölkerung ausgelegt sind, von der Gemeinde Gebühren anfallen.

Von der Gegenwart zur Zukunft: Wie siehst du die zukünftigen Quer-Austragungen?

Es würde mich sehr freuen, wenn das Quer noch lange so weiterleben würde. Ich sehe, dass dazu von vielen Personen sehr viel Engagement benötigt wird und sich die notwendige Arbeit wie auch die benötigte Infrastruktur ständig vergrössert. Die Organisation und Durchführung wird wegen ständig neuer Vorschriften sicher nicht einfacher.

Quellenangaben
Interview: Durchgeführt am Nachmittag des 19.04.2022 in Thierachern
Bild: Durch Hans Schütz zur Verfügung gestellt
Text: Die Angaben von Hans Schütz sinngemäss festgehalten durch Simon Wenger